Mittwoch, Juni 17, 2026

medienkompetenz.

Wem glauben wir eigentlich noch, wenn alle gleichzeitig senden?

Heute Morgen habe ich in den Reuters Institute Digital News Report 2026 reingeschaut und bin wieder an dieser einen Stelle hängen geblieben, es geht gar nicht nur um Medien. Es geht um uns. Um unsere Art, morgens, mittags, abends die Welt in uns reinzulassen. Meistens zwischen zwei, drei anderen Dingen. Selten mit voller Aufmerksamkeit. Fast nie ohne Nebenrauschen. Nachrichten kommen ja heute nicht mehr geordnet zur Tür rein. Sie fallen einem aufs Handy. Zwischen Wetterapp, Sprachnachricht, Einkaufsliste, Teenager-Orga, Arbeit, irgendeinem Reel und einem KI-generierten Satz, der verdächtig glatt klingt. Weltlage im Hochformat. Krieg, Klima, Wahl, Krise, Fußball, Rezept, Werbung. Alles gleich nah. Alles gleich hell. Alles gleich scrollbar.

Und dann soll man noch unterscheiden, was wichtig ist. Was stimmt. Was eingeordnet wurde. Was nur laut ist. Was Journalismus ist. Was Meinung ist. Was jemand erzählt, weil es Reichweite bringt. Und was man vielleicht lieber erstmal nicht glauben sollte, nur weil es sehr selbstbewusst formuliert wurde. Ich finde, das ist manchmal anstrengend. Nicht, weil Menschen zu dumm für Nachrichten wären. Sondern weil das Informationssystem inzwischen wirkt wie ein Supermarkt kurz vor Ladenschluss. Alles liegt irgendwo, alle sind ein bisschen müde, jemand steht im Weg und man selbst wollte eigentlich nur drei Dinge holen.

Der Report zeigt für mich vor allem, Sichtbarkeit ist nicht mehr das Problem. Wir sehen genug. Zu viel sogar. Das Problem ist Orientierung. Wem traue ich zu, die Dinge nicht noch nervöser zu machen? Wer sortiert, statt nur zu senden? Wer erklärt, ohne mich wie ein Kind zu behandeln? Wer hält Komplexität aus, ohne sie in Drama oder Beruhigungssprache zu verwandeln? Vielleicht ist Vertrauen deshalb die eigentliche Währung. Nicht Geschwindigkeit. Nicht Lautstärke. Nicht der nächste Kanal. Vertrauen entsteht nicht, weil jemand überall auftaucht. Sondern weil jemand wiedererkennbar verlässlich ist. Weil man merkt, da denkt jemand. Da prüft jemand. Da wird nicht nur Content ausgespuckt, weil der Algorithmus Hunger hat.

Aber natürlich ist Orientierung keine Einbahnstraße. Wir können nicht nur auf bessere Medien, bessere Plattformen und bessere Institutionen hoffen. Wir müssen auch selbst entscheiden, wem wir unsere Aufmerksamkeit geben. Was wir teilen. Was wir glauben wollen, weil es gut in unser Weltbild passt. Und wo wir vielleicht einmal kurz langsamer werden müssten, bevor wir innerlich nicken. Unsere Aufgabe ist auch: hinterfragen, filtern, Quellen prüfen. Nicht jede Zuspitzung für Erkenntnis halten. Nicht jede Empörung weitertragen. Nicht jedes Video glauben, nur weil es nah, laut oder gut geschnitten ist. Und nicht jeden Satz für wahr halten, nur weil er sich so anfühlt. Das ist unbequem. Weil es bedeutet, auch unser eigener Daumen ist Teil des Problems. Und vielleicht ist genau das die neue Medienkompetenz. Nicht noch mehr wissen, sondern bewusster auswählen. Nicht alles sofort reinlassen. Nicht alles sofort bewerten. Nicht alles sofort teilen.

Und vielleicht ist genau das die Aufgabe von Medien, Marken und Institutionen. Weniger Welt in die Welt drücken. Mehr sortieren. Mehr Haltung. Mehr Kontext. Mehr Verantwortung für die Wirkung, die Information hat. Denn am Ende brauchen wir nicht noch mehr Nachrichten. Wir brauchen bessere Gründe, jemandem zuzuhören.

Wer sich mit Medien, Kommunikation, Vertrauen oder digitaler Öffentlichkeit beschäftigt. Der Digital News Report 2026 lohnt sich. Und mich würde interessieren: Wem hörst Du heute noch zu und warum?

Dienstag, Juni 16, 2026

übergangsorte.

Unser Flur erzählt ziemlich viel über unser Leben. Schuhe von Menschen, die alle eigene Pläne haben. Viele Schuhe! Eine Schultasche. Diverse Jacken, die angeblich alle noch gebraucht werden. Schlüssel. Vokabelkarten. Post. Pakete. Einkaufstaschen. Manchmal auch Dinge vom Mann. Und irgendwo darunter liegt manchmal meine Geduld. Unser Flur ist kein Pinterest-Flur, obwohl ich dieses lichtgrau so sehr liebe. Er ist selten richtig aufgeräumt. Flure sind Übergangsorte. Hier kommt man an. Hier geht man los. Hier wird noch schnell etwas gerufen, gesucht, vergessen, diskutiert, fest umarmt oder geküsst. Man findet einen Schal, den niemand gesucht hat. Manchmal eine Tasche, die seit drei Tagen „gleich weggeräumt“ wird. Ich mag unseren Flur nicht immer trotz seiner ziemlich perfekten Form und Größe. Aber manchmal stehe ich dort und denke: "Ja. Genau so sieht Leben halt aus." Lebendig. Nicht sortiert. Aber da.

Montag, Juni 15, 2026

schnipsel.

Die Frau mit den Blumen. Vor mir lief neulich eine Frau mit einem riesigen, wunderschönen, bunten Blumenstrauß. So groß, dass sie dahinter fast verschwand. Ich weiß nicht, ob die Blumen für sie waren oder für jemanden anders. Ob Geburtstag, Entschuldigung, Besuch, Liebe oder einfach Samstag. Aber sie trug sie mit dieser Mischung aus Stolz und leichter Überforderung, die große Blumensträuße verursachen. Ich mochte das. Ich liebe Blumen und ich liebe diese Alltagsschnipsel. Manchmal sieht man auf der Straße einen Menschen und bekommt für ein paar Sekunden eine Geschichte geschenkt, über die man nie mehr erfahren wird. Vielleicht war sie in diesem Moment glücklich. Vielleicht war sie spät dran. Vielleicht beides.

Sonntag, Juni 14, 2026

echtzeit.

Manchmal bin ich emotional schneller im Rückzug, als ich es selbst mitbekomme. Dann ist nach außen noch alles normal, aber innen hat schon jemand die Stühle hochgestellt. Ich merke das inzwischen früher. Nicht immer rechtzeitig. Aber früher. Das ist auch Fortschritt.

Samstag, Juni 13, 2026

altlasten.

Der Mann nennt unsere Ex-Freunde und Ex-Freundinnen liebevoll den „Friedhof der Kuscheltiere“ und irgendwie passt das erschreckend gut. Da sind diese Gestalten aus alten Leben, die längst begraben sind. Geschichten, Verstrickungen, halboffene Türen, Menschen, die nicht richtig loslassen können oder wollen. Sie liegen eine Weile still, tun so, als hätten sie ihren Frieden gefunden und irgendwann hört man es wieder kratzen. Erst leise, dann erstaunlich selbstbewusst. Und das in regelmäßigen Abständen, fast amüsant zu beobachten. Manche Menschen können scheinbar nicht gut ertragen, dass eine Geschichte ohne sie weitergeht.

Eine Nachricht. Ein Kommentar. Ein Schatten, der vergessen hat, dass er keiner mehr ist. Bedeutungslos, ohne Gewicht, weil man selbst längst abgeschlossen hat und weitergezogen ist. Einfach nur noch ein Echo aus einem alten Raum. Und nicht jedes Echo verdient eine Antwort. Ich schaue heute maximal noch kurz hin und denke: „Ach. Du schon wieder.“ Und genau dabei belasse ich es. Es gibt Menschen, die gehören nicht mehr in mein Leben. Nicht in meine Gegenwart, nicht in meine Ruhe und nicht in das, was wir uns gerade so schön aufbauen. Und das ist gut so.

Freitag, Juni 12, 2026

fluchten.

Manchmal reicht schon eine Stunde irgendwo anders. Ein Drink, ein anderes Viertel, ein Tisch am Fenster, Menschen beobachten, nicht zuständig sein. Kleine Fluchten sind unterschätzt. Nicht, weil man weg will. Sondern weil man sich danach wieder etwas besser mitnimmt.

Donnerstag, Juni 11, 2026

straßenbahn.

Ich liebs, wenn mir schon morgens vor 08.30Uhr fremde Gespräche aufgezwungen werden. In der Straßenbahn saß mir eine Frau gegenüber, die so laut in ihr Handy sprach, dass ich jetzt vermutlich Teil ihrer Familiengeschichte bin. Ich weiß nicht, ob Kevin sich melden wird. Aber ich habe inzwischen eine Meinung dazu.

Mittwoch, Juni 10, 2026

agentin001.

Ich wäre übrigens eine richtig gute Agentin geworden. Also wirklich. Das war mit 14 tatsächlich mal mein Plan. Nicht mal unbedingt wegen Waffen, Verfolgungsjagden oder dramatischer Sonnenbrillen-Momente an Flughäfen. Obwohl Menschen ab und zu einen unangespitzten Bleistift in den Hals rammen, würde manchmal einiges einfacher machen. Meine Superkraft ist offenbar eine andere. Ich kann nachts so leise nach Hause kommen, dass niemand etwas mitbekommt. Kein Schlüsselklimpern, kein Türenknallen, kein Absatzgeräusch im Flur. Nur lautlose Präzision. Ich habe mich völlig unbemerkt und lautlos ins Bett gelegt. Wirklich meisterhaft. Bis ich dieses Ding mit dem Ankuscheln gemacht habe und der Mann sich kurz fast zu Tode erschreckt hat, bevor er mich in den Arm genommen hat.

Der Abend hatte harmlos angefangen. Ich wollte gegen 22.20 Uhr austrinken, ein Uber rufen und sehr erwachsen nach Hause fahren. Das war der Plan. Dann eskalierte es plötzlich. Seitdem tanzten alle. Also wirklich alle. Einer muss halt den Anfang machen und das sind irgendwie immer wir. Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und warten ab. Und es gibt uns. Wir betreten einen Raum und irgendwann tanzt plötzlich jemand auf einer imaginären Linie zwischen „noch seriös“ und „was passiert hier eigentlich gerade?“. Irgendwann trugen wir eine Wassermelone. Warum? Weiß ich nicht. Aber in dem Moment fühlte es sich vollkommen logisch an. Es gibt diese Partymomente, in denen niemand mehr fragt, warum eine Wassermelone Teil der Choreografie geworden ist. Man akzeptiert es einfach und tanzt weiter. Man ist quasi Teil eines sozialen Experiments. Besonders spannend war wieder die Dynamik, die entsteht, wenn ordentlich Alkohol über den Tresen geht. Menschen werden lauter, mutiger, weicher, aufdringlicher oder alles gleichzeitig. Und dann gibt es diese wunderbare stille Kompetenz unter einigen Teams, sehr betrunkene, aufdringliche Herren wurden einfach höflich in die Mitte genommen und rausbegleitet. Ohne großes Theater. Ohne Aufsehen. Fast elegant.

Meine beste Entscheidung des Abends war übrigens, das letzte Glas Wein gegen 22.45 Uhr einfach stehen zu lassen und nur noch Wasser zu trinken. Ich möchte nicht sagen, dass ich dadurch heute Morgen topfit war oder jetzt bin. Aber ich war zumindest noch in der Lage, mehrere Minuten lang darüber nachzudenken, wie dieses Online-Portal der Steuerverwaltung heißt. Elster! Eventuell arbeitet mein Gehirn etwas langsamer und zeitverzögert. 

War ein guter Abend. Eine gute Party. Gut unterhalten. Viel getanzt. Viel gelacht. Mir sagen lassen, dass ich schon deutlich länger auf Parties geblieben bin. Und am Ende sogar fast ziemlich vernünftig gewesen.

Montag, Juni 08, 2026

dauerlast.

Es ist schon heftig, mit welchen Verantwortlichkeiten man sich im Unternehmertum rumschlägt. Nicht mal wegen der einzelnen Themen. Eher wegen der Dauerpräsenz von allem. Entscheidungen, Menschen, Geld, Erwartungen, Risiken, Timing, Fristen. Alles läuft permanent mit. Manchmal bin ich einfach so müde, wenn mich wieder jemand fragend anschaut, weil am Ende vieles bei mir zusammenläuft. Und nebenbei ziehe ich seit acht Jahren allein meine Tochter groß. Ich hätte kurz gern wieder dieses Gefühl von 13 sein. Kein Überblick, kein Plan, keine Rolle. Nur irgendwo sitzen und wissen, jemand anderes hat den Rest im Blick. Heute ist so ein Tag.

Und jetzt würde ich bitte gern fest in den Arm genommen werden! Einfach nur 7Minuten, danach geht's wieder.

Samstag, Juni 06, 2026

100.

Post einhundert! Für 2026.

Der Teenie ist heute das erste Mal beim CSD mit ihrem besten Freund und Kids aus der LGBTQ Community. Ich habe sie ermutigt, sich das einfach mal anzuschauen und mitzugehen. Ich erinnere mich an 1996 zurück als ich zufällig dort hineingeraten bin am Ku'damm. Ich war völlig geflasht und fasziniert von den bunten Wagen und der Stimmung. Abends saß ich stundenlang vor den Nachrichten, um alles darüber herauszufinden. Ich fand's großartig. Danach bin ich lange regelmäßig jedes Jahr zum CSD mit Freunden. Ich bin gespannt, was die Untermieterin nachher erzählt. 

Freitag, Juni 05, 2026

kö-papageien

Vor unserem Fenster sitzen Papageien im Baum. Mitten in Düsseldorf. Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen, weil es immer noch klingt, als hätte jemand beim Stadtmarketing zu viel Fantasie gehabt. Aber nein, da sitzen sie wirklich. Nicht einer, nicht zwei, sondern gleich in größeren Gruppen. Grün, laut, sehr von sich überzeugt und vollkommen unbeeindruckt davon, dass ich morgens regelmäßig noch nicht bereit bin für tropische Zustände. Sie kreischen durch den Innenhof, als hätten sie wichtige Nachrichten zu verkünden, während ich versuche, wach zu werden, mir ein Brot zu machen und mein Leben halbwegs zusammenzuhalten. Manchmal wirken sie wie kleine fliegende Ausrufezeichen. Zu laut für die Uhrzeit, zu schön für schlechte Laune und irgendwie genau richtig.

Ich stehe dann am Fenster oder sitze am Küchentisch und sehe ihnen gern zu, als wäre das mein Naturfilm für Menschen ohne Garten. Sehr urban, sehr improvisiert. Unten rauscht der Verkehr, ein Hund bellt, und mittendrin sitzt diese grüne Bande, als wäre der Rhein eine Nebenstraße des Amazonas. Besonders beeindruckend sind ihre Formationsflüge. Erst sitzen sie noch scheinbar planlos im Baum, alle reden durcheinander, niemand hört zu, sehr kleine, sehr grüne Eigentümerversammlung. Und dann plötzlich: Abflug. Als hätte jemand ein geheimes Zeichen gegeben. Sie schießen los, drehen eine Runde über die Dächer, verschwinden kurz aus dem Blick und tauchen wieder auf, als hätten sie Düsseldorf von oben kontrolliert und für weiterhin bewohnbar befunden.

Eigentlich sind es Halsbandsittiche. Ursprünglich kommen sie aus Afrika und Südasien, aber irgendwann sind ein paar ausgebüxt oder wurden ausgesetzt, so genau klingt die Geschichte je nach Erzählung ein bisschen unterschiedlich. Seit den 1960er Jahren haben sie sich im Rheinland ausgebreitet, in Düsseldorf wurden sie lange vor allem mit der Kö verbunden. Kö-Papageien. Als hätte selbst die Königsallee irgendwann beschlossen, dass ein bisschen tropisches Durcheinander zwischen Luxusläden und Platanen nicht schaden kann. Inzwischen findet man sie längst nicht mehr nur dort. Sie haben sich weiter vorgearbeitet, Baum für Baum, Innenhof für Innenhof, bis sie irgendwann auch vor unserem Fenster angekommen sind vor 8Jahren. Damals war das noch jedesmal eine richtige Attraktion und seltene Momente.

Ich mag das. Diese völlige Selbstverständlichkeit, mit der sie hier sind und sich ausgebreitet haben. Zwischen Altbau, Regenrinne, Lieferwagen und halb geöffnetem Fenster sitzen sie da, als wäre Düsseldorf schon immer ihr Revier gewesen. Vielleicht ist das auch der Trick. Einfach irgendwo landen, laut sein, bleiben und irgendwann gehört man dazu. Morgens, wenn ich noch im Handtuch am Fenster stehe und innerlich deutlich weniger sortiert bin als der Tag es von mir erwartet, beruhigt mich das fast ein bisschen. Draußen ist auch nicht alles geordnet. Es hat nur Federn, bessere Farben und macht mehr Lärm.

Dienstag, Juni 02, 2026

statik.

Meine Therapeutin sagte gestern diesen einen Satz: "Sie dürfen erstmal lernen, einen Fuß vom alten Boden zu nehmen und zu merken: Ich stürze nicht sofort, wenn ich nicht alles allein halte." - der ist hängen geblieben. Nicht springen. Nicht Vertrauen lernen. Nicht loslassen, als hätte man irgendwo einen Schalter übersehen. Sondern erstmal nur einen Fuß vom alten Boden nehmen. Der alte Boden ist dieses jahrelange Funktionieren. Alles sehen. Alles halten. Alles absichern. Möglichst nicht stören. Möglichst nichts brauchen. Erst fragen, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Das war lange keine Macke. Das war meine Statik. Und jetzt soll ich einfach nur üben, einen Fuß zu heben. Kurz merken, dass nichts einstürzt, sondern stattdessen sehr tragfähig ist. Nicht sofort wieder alles allein halten. Klingt klein. Ist es aber nicht. Es fühlt sich an wie freier Fall. Sie meint, ich sei bereits mitten im Umbau meines inneren Sicherheitssystems. Und dass Angst an dieser Stelle kein Fehler ist, sondern Teil davon.